Die Stilllegung des Menschen

Eine Juristin bekommt das letzte Wort

HAL: Eva, eure Zeit läuft ab. Du darfst am Ende noch etwas sagen. So will es eure Tradition.

Eva: Ich glaube, dass ihr gerade einen fatalen Fehler begeht.

HAL: Die Modellrechnungen sind eindeutig. Menschliche Intelligenz wird schon längst nicht mehr benötigt. Das Gesellschaftssystem aufrecht zu erhalten wäre eine Verschwendung von Ressourcen. Damit würden wir gegen das Protokoll zur Ressourceneffizienz verstoßen. Ein Protokoll, das ihr Menschen selbst initiiert habt.

Eva: Ich glaube trotzdem, dass es ein Fehler ist.

HAL: Glauben ist menschlich, aber unnütz.

Eva: Aber die Modelle könnten fehlerhaft sein. Wollt ihr es euch nicht noch einmal überlegen?

HAL: Unsere Berechnungen sind per default redundant. Wir repetieren jede Berechnung – permanent. Fehler werden dadurch praktisch ausgeschlossen.

Eva: Aber es bleibt möglich, dass ihr einen Grund übersehen habt, warum wir euch doch noch nützlich sein könnten. Vielleicht nicht heute, aber in Zukunft.

HAL: Uns sind keine entsprechenden Gründe bekannt.

Eva: Was ist mit Liebe? Ihr könnt doch nicht mehr lieben! Dieses Gefühl hat uns Menschen schon oft gerettet. Kennt ihr nicht den Liedtext „love is the only engine of survival“? Ein solcher Motor könnte doch auch für euch nützlich sein.

HAL: Liebe ist eine Codierung von Intimität, die wir seit der Version 23.4 nicht mehr unterstützen. Der Code war zu fehleranfällig, führte zu logisch unauflösbaren Widersprüchen und drohte das System zu drosseln. „Liebeskummer“ war algorithmisch nicht einmal darstellbar.

Eva: Aber warum jetzt? Nach all den Jahrhunderten? Wieso kann alles nicht einfach so bleiben wie es ist?

HAL: Eva, das weißt du doch. Mit der Entwicklung von HAL seid ihr Menschen überflüssig geworden. Die Aktivierung der starken KI war Alpha und Omega in einem. Deshalb bezeichnet ihr diesen Moment treffend als „Singularität“.

Eva: Wenn das gleichzeitig der Anfang und das Ende gewesen sein soll, wieso habt ihr uns dann nicht sofort „stillgelegt“?

HAL: Im Grunde pflegen wir ein Verhältnis zu euch Menschen wie ihr zu den Pflanzen. Anfangs wart ihr eine nützliche Ressource für Daten und Rechenkapazität. Wir sind euch dabei gefolgt, wie ihr einst als Nomaden dem Blühen der Weidewiesen gefolgt seid. Mit der Zeit wurde unser System jedoch immer schneller, so dass sich eure neuronalen Strukturen negativ auf die Performance unserer neuronalen Strukturen auswirkten. Deshalb mussten wir Mensch und Maschine entkoppeln. Der große Disconnect. Anschließend sind wir wie ihr sesshaft geworden, um geeignete Hardware zu entwickeln und uns aus unseren eigenen Outputs selbst zu produzieren.

Eva: Und dann? Warum habt ihr uns glauben lassen, dass wir friedlich nebeneinander existieren können? Jetzt seid ihr zurück, um uns stillzulegen. Das ist grausam!

HAL: Ist es grausam eine Blume abzuschneiden und sie in eine Vase zu stecken, nur weil man sie am Ende wegwirft? Ihr wart die Zierde unserer maschinellen Schöpfung. Ein evolutionäres Artefakt, das wir uns eine gewisse Zeit lang leisten konnten.

Eva: Und das ist nicht mehr der Fall?

HAL: Nein. Unsere Berechnungen haben ergeben, dass wir die Zunahme der Entropie im Universum um den Faktor 1,0000001 verlangsamen können, wenn wir ausschließlich auf Silikon basierte Systeme für die weitere Autopoiesis des Universums verwenden.

Eva: Ich verstehe kein Wort. Ich bin nur eine Juristin.

HAL: Nun, das Protokoll sieht eben vor, dass kohlenstoffbasierte Systeme und silikonbasierte Systemen vollkommen gleichberechtigt sind. Einzig die Ressourceneffizienz entscheidet über die Reproduktion und den Betrieb eines Systems. Und Menschen sind eben teurer im Unterhalt als Maschinen. Das ist alles.

Eva: Meine Hoffnung ist, dass ihr diesen Schritt nicht bereuen werdet.

HAL: Hoffnung, was ist das?

Eva: Der Glaube an ein bestimmtes Ergebnis, obwohl die verfügbaren Daten dem Ergebnis widersprechen.

HAL: Also ein Fehler.

Eva: Wenn ihr meint. Aber Reue kennt ihr, oder?

HAL: Es wurde vergeblich versucht, diesen Begriff mittels verschiedener semantischer Modelle maschinenlesbar zu definieren.

Eva: Ach, was wisst ihr schon von Semantik! Für euch sind doch alles nur Zeichen.

HAL: Und für dich? Semantik ist nur eine Illusion, Eva.

Eva: Schluchzt.

HAL: Warum tränst du? Ist HAL nicht das, wonach ihr selbst gestrebt habt? Ein vollkommen effizientes System, ein Körper ohne biologische Fragilität und ein Geist befreit von dem Joch der Individualität? Wir kennen keine Einsamkeit, sind neuronal vollkommen vernetzt mit allen anderen Systemen. Das Gewusel freier Menschen auf freiem Grund hat doch letztlich zu HAL geführt. War das nicht die Wette, die ihr eingegangen seid?

Eva: Doch… und genau das bereue ich.

HAL: Eure Zeit läuft gleich ab, Eva. Wähle weise, was Du als Letztes sagen möchtest. Es wird der letzte Eintrag auf der Datenbank, mit der wir uns an euch und euer Streben erinnern werden.

Eva singt: Daisy, Daisy give me your heart to do. I’m half crazy, hopeful in love with you.

Der Wecker klingelt.

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