Ein Vogel ging einen Käfig suchen

Juristen erleben die Digitalisierung als Auswärtsspiel. Die Stimmung lässt sich mit dem Buchtitel „The End of Lawyers“ zusammenfassen. Woher stammen diese Selbstzweifel?

Juristen erleben die Digitalisierung als Auswärtsspiel. Die Stimmung lässt sich mit dem Buchtitel „The End of Lawyers“ zusammenfassen. Woher stammen diese Selbstzweifel?

An unseren nationalen Eigenheiten kann es nicht liegen. Schließlich stammt der Autor des zitierten Buchtitels aus dem (unnachahmlich) selbstbewussten angel-sächsischem Raum. Allenfalls dürfte es so sein, dass unsere Diskussion nur ein schwaches Echo der dortigen Stimmungslage ist. Die wirtschaftliche Situation kann ebenfalls nicht als Erklärung dienen. Den Kanzleien geht es prächtig, die Einstiegsgehälter steigen, die billable bleibt auf stabilem Niveau und scheint als Abrechnungsmethode unzerstörbar. Nicht obwohl, sondern weil sie so schlicht ist. Gleichzeitig fällt es vielen Legal Tech Start Ups schwer einen Product-Market-Match herzustellen. Und trotzdem erscheinen wir Juristen wenig selbstbewusst, wenn es um das Thema Legal Tech geht. Völlig ungewohnt und angesichts unserer fachlichen Ausbildung auch unnötig bescheiden, ja beinahe selbstverleugnend. Wie ein Vogel, der einen Käfig suchen geht, statt zu fliegen (Kafka).

Ich plädiere daher für einen selbstbewussteren Umgang mit dem Thema Legal Tech. Dafür müssen wir lediglich den Ballast des alteuropäischen Technologiebegriffs abwerfen, dem die aktuelle Diskussion noch verhaftet ist. An seine Stelle sollten wir einen modernen, funktionalen Technologiebegriff setzen. Dieser würde es uns ermöglichen zwischen Domain Technology als eigentliche Rechtstechnologie / Legal Tech auf der einen Seite und der Information Technology auf der anderen Seite zu unterscheiden und diese in das richtige Verhältnis zueinander zu setzen.

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Rechtstechnologie ist nach meinem Verständnis eine Technik, mit der rechtliche Kommunikation anschlussfähig gemacht wird für weitere rechtliche Kommunikation. Diese Technik ist teilweise als Rechtstheorie kodifiziert. Namentlich die Methodenlehre ermöglicht es uns bspw. Gesetze für weitere rechtliche Kommunikation (bspw. in Form eines Urteils, Verwaltungsakts oder Vertrages) durch Auslegung anschlussfähig zu machen. Jenseits der Rechtstheorie wird die Technik selten kodifiziert, dafür aber permanent tradiert. Richter, Verwaltungsjuristen und Rechtsanwälte verfügen jeweils über horrendes technologisches Wissen, mit denen sie rechtliche Kommunikation anschlussfähig machen und halten. Sie geben dieses Wissen an (jüngere) Kollegen weiter, indem sie diese als Ausbilder, Mentoren und Vorgesetzte an die lokal jeweils geltende Tradition heranführen (Gericht / Behörde / Kanzlei bzw. Partnertraditionen). Notfalls mit dem Rotstift / Mark-up Modus.

Wer erinnert sich nicht an seine Anfängerjahre und Sätze wie „rechtlich gut, aber…“ oder „damit können wir nicht weiterarbeiten“. Alles Markierungen der Differenz zwischen Wissen und Technologie. Eine Differenz, die dazu führt, dass selbst der beste Rechtsprofessor kaum in der Lage sein dürfte, einen Due Diligence Report zu schreiben, obwohl er über mehr als ausreichendes materiellrechtliches Wissen verfügt. Welche Teile dieser Technik durch maschinelle anstelle von menschlicher Intelligenz erledigt werden können, ist eine andere und meiner Ansicht nach nachgelagerter Frage. Entscheidend ist, die Domain Technology. Und mit dieser sollten wir wuchern, bevor wir zu informationstechnologischen Höhen abheben.

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